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Klimaschutz muss zur echten Bewegung werden

19.10.2006: Eine beunruhigende Wahrheit sickert laut Hermann E. Ott (Wuppertal Institut) in die Öffentlichkeit: dass der Klimawandel sehr viel schneller komme als bisher gedacht. "Es bleibt vielleicht ein Zeitfenster von zehn bis 15 Jahren, in dem die gewaltigen Anstrengungen zur Umformung unserer Gesellschaften eingeleitet werden müssen", schreibt Ott in seinem Namensbeitrag.

   Hermann E. Ott - Foto: Wuppertal Institut
 

Hermann E. Ott - Foto: Wuppertal Institut

"Wer sich professionell mit der Klimapolitik beschäftigt, kann sich im Moment wie ein Surfer fühlen: Noch liegt er auf dem Brett, doch schon hebt sich ein Teil des Surfbretts sachte an, von hinten rauscht es gewaltig und es ist klar, dass in einigen Bruchteilen von Sekunden die große Welle kommt. Natürlich konnten die Organisatoren des KyotoPlus-Kongresses nicht wissen, dass ihr Thema im Laufe des Jahres 2006 eine so ungeheure Renaissance erleben würde. Denn diesem knapp zweitägigen Spektakel im Energieforum in Berlin ging eine mehr als 1 1/2-jährige Planungsphase voraus. Ursprünglich war der Kongress sogar geplant gewesen, um dem drohenden Klimawandel wieder mehr öffentliche Resonanz zu verschaffen!

Nicht-lineare Entwicklungen

Das war nun nicht mehr nötig: Seit Anfang dieses Jahres sickert so allmählich die höchst beunruhigende - nach Al Gore "unbequeme" - Wahrheit in die allgemeine Öffentlichkeit: Dass nämlich der Klimawandel sehr viel schneller kommt als bisher gedacht, man also vielleicht doch besser vom "Klimachaos" sprechen sollte. Damit ist gemeint, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit zu so genannten "nicht-linearen Entwicklungen" kommen wird - was nichts anderes heißt als die rapide Eisschmelze in der Arktis und Antarktis, das Abschmelzen von Gletschern, das Auftauen der Permafrostböden und der plötzliche Zusammenbruch (über-)lebenswichtiger Ökosysteme wie den Regenwäldern am Amazonas und dem Kongo.

"Klimachaos" bedeutet im schlimmsten Fall ein sehr schnelles Ansteigen der Meeresspiegel um mehrere Meter, ein Zusammenbruch der globalen Nahrungsmittelversorgung und viele Millionen Menschen auf der Flucht. Es bleibt vielleicht ein Zeitfenster von zehn bis 15 Jahren, in dem die gewaltigen Anstrengungen zur Umformung unserer Gesellschaften eingeleitet werden müssen.

Politische Ziele geben Sicherheit

Deshalb kam die Botschaft im Untertitel des Kongresses auch richtig und brauchte nicht im Geringsten angepasst zu werden: Neue Ziele, neue Allianzen, neue Technologien und insgesamt eine neue Politik werden erforderlich sein, um dieser gewaltigen Menschheitsaufgabe gerecht zu werden. Es braucht also eindeutig mehr als die bisherigen Aktivitäten zum Klimaschutz. Dieses "mehr" sollte durch den Begriff "KyotoPlus" ausgedrückt werden. Kyoto deshalb, weil die bestehenden Erfolge nicht klein geredet werden sollten. Aber das "Plus" eben auch, weil das Bestehende nicht ausreicht.

Solche neuen Ziele wurden auf dem Kongress mit Vertretern der Politik und der Zivilgesellschaft aus Nord und Süd diskutiert. Ziele sind wichtig, um der Entwicklung eine Richtung zu geben - gerade der Entwicklung neuer Technologien. Außerdem geben politische Ziele Sicherheit, Sicherheit für Unternehmen und Investoren, dass die politischen Rahmenbedingungen für den Klimaschutz stehen. Deshalb braucht es ehrgeizige Ziele auf nationaler und auf globaler Ebene.

Dieser Ehrgeiz ist auf internationalem Parkett bisher nicht sichtbar - die im November in Nairobi im Rahmen des Kyoto-Protokolls zusammen kommenden Klimadiplomaten stehen bisher nicht wirklich unter Druck. Alle warten auf die nächsten Präsidentschaftswahlen in den USA. Und die amerikanischen Teilnehmer auf dem Kongress waren sich einig: Ganz egal, wer die Präsidentschaftswahlen 2008 gewinnt, die USA werden ihre Klimapolitik ändern.

Das war vielleicht auch eine der stärksten Botschaften von KyotoPlus: In den USA gibt es eine solche Fülle an Bewegung in der Bevölkerung, in den Städten und den Bundesstaaten, dass die Wandlung der USA zum Klimaschützer nur eine Frage der Zeit ist. Stärksten Ausdruck verlieh diesem Optimismus Jerome Ringo, der Präsident der National Wildlife Federation und der Apollo Alliance. Er brachte nach Deutschland, was Deutsche selbst sich nicht trauen: Leidenschaft! Ganz in der Tradition Martin Luther Kings versucht er mit der Apollo Alliance, eine neue politische Kraft zu schaffen durch die Zusammenführung von "strange bedfellows", wie er es nennt. Umweltschützer, Gewerkschafter, Kirchen und Unternehmer sollen die USA in kurzer Zeit mit einem Milliardenprogramm vom Fluch der Ölabhängigkeit befreien.

Starke Beharrungskräfte

In Deutschland werden kleinere Brötchen gebacken, aber eine neue Allianz zeichnete sich auf dem Kongress schon ab: Vertreter der großen Umweltorganisationen wie Greenpeace, WWF und BUND saßen mit Vertretern der Entwicklungspolitik, der sozialen Rechte und den Kirchen zusammen, um über neue Formen der Kooperation zu diskutieren. Doch blieb es nicht bei öffentlichen Absichtserklärungen - nach der Veranstaltung setzten die Teilnehmer das Gespräch fort, um ernsthaft den weiteren Prozess in Gang zu setzen.

Hätte der Kongress auch nur dieses erreicht, hätte sich alle Mühe schon gelohnt. Denn erst wenn der Klimaschutz zu einer echten Bewegung wird, gibt es eine realistische Chance. Und zur Bewegung wird der Klimaschutz erst dann, wenn jeder Bürgerin und jedem Bürger bewusst ist, dass das Klimachaos eine Bedrohung für jeden Einzelnen darstellt.

Erst mit einer solchen Bewegung wird auch eine neue Politik möglich sein, die auf der Konferenz lediglich eingefordert werden konnte. Denn erst dann wird durch die Menschen ein Gegengewicht zu den ungeheuer starken Beharrungskräften in Wirtschaft und Politik geschaffen. Wie stark diese Kräfte tatsächlich sind, ist bei den Verhandlungen um den Emissionshandel für Unternehmen deutlich geworden: Durch politischen Druck haben es die großen Stromkonzerne erreicht, dass ein Klimaschutzinstrument sich zu einem Förderinstrument für Kohle verwandeln konnte. Wenn ein neues Braunkohlekraftwerk wie Neurath von RWE Gewinn bringend ans Netz gehen kann, hat der Emissionshandel seinen Sinn verloren. Hier wird alte und klimagefährliche Technik für die Stromerzeugung eingesetzt, gefördert durch die Klimapolitik.

Es braucht keine magischen Wundertechnologien

Dabei stehen alle erforderlichen Techniken bereit, wie sich auch auf dem Kongress in den vielfältigen Veranstaltungen zu neuen Technologien zeigte. Es braucht also keine magischen Wundertechnologien, wie manchmal von interessierter Seite behauptet wird - es ist möglich, mit der bestehenden Technik das Klimachaos abzuwenden! Der unglaublich rasche Aufstieg der Windenergie in Deutschland hat bewiesen, dass es lediglich die richtigen Rahmenbedingungen braucht um unsere Energieversorgung in die richtige Richtung zu lenken. Mit einem massiven Ausbau der Erneuerbaren Energien und einer gleichzeitigen schnellen Steigerung der Energieeffizienz kann das Energiesystem und unser gesamter industrieller Stoffwechsel auf Klimaschutz umgestellt werden.

Dies ist auch das Versprechen des Klimaschutzes - dass der Klimaschutz eben nicht eine Belastung unserer Volkswirtschaften bedeutet, sondern im Gegenteil eine neue industrielle Revolution induzieren wird, die zu mehr Beschäftigung und zu mehr sozialer Gerechtigkeit führt. Diese industrielle Revolution wird eine globale Revolution sein und keinen Winkel der Erde auslassen.

Am meisten werden jedoch diejenigen davon profitieren, die als Erste ernst machen mit dem Klimaschutz, also Vorreiter und Trendsetter sind. Um zu dem Bild vom Anfang zurückzukehren: Die gewaltigste Anstrengung in der Geschichte der Menschheit baut sich hinter uns auf. Wer die Welle kommen spürt und rechtzeitig auf seinem Surfbrett anfängt zu paddeln, wird am schnellsten Geschwindigkeit aufnehmen, wird nicht überrollt, sondern kann die Welle am besten nutzen."

Hermann E. Ott leitet das Berliner Büro des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie GmbH. Er war Mitorganisator der KyotoPlus-Konferenz in Berlin, die gemeinsam vom Wuppertal Institut, der Heinrich Böll-Stiftung, dem European Climate Forum und dem WWF ausgerichtet wurde.

Dieser Artikel erschien auf politikerscreen.de.

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